Hotel Wandl
Hotels sind der Ort flüchtiger Seelen. Nur manchmal, ganz selten, verirrt sich eine Seele und bleibt dort ihr Leben lang wohnen.
Ich hab keine Ahnung, wie lange Seelen leben, aber ich glaube sehr lange. Ganz sicher weit mehr als 200 Jahre. Manchmal trifft man einen Menschen, der keine Seele mehr zu haben scheint – sie wohnt dann in einem anderen Land oder in einem Hotel. Es ist kein einfaches Leben dort, weil Ankunft und Abschied so eng beieinander sind.
Seit Jahren habe ich die Karte des Hotels Wandl in Wien immer bei mir. Inzwischen glaube ich, dass ich dort etwas Wichtiges verloren haben muss. Oder, wenn ich noch genauer sein will, dass ich etwas hinterlegt habe. Deshalb muss ich irgendwann wieder zurückkehren, in das Hotel Wandl.
Zur gleichen Zeit wie ich, es war ein vom Sommer erschöpfter September, übernachtete ein Mädchen mit kurzen roten Haaren und einer großen gelben Sonnenbrille im Hotel. Ich sah sie jeden Morgen beim Frühstück. Obwohl der Raum nicht sehr hell war, nahm sie nie ihre Sonnenbrille ab. Was ich an Hotels hasse, sind die Frühstücksbuffets. Sie fangen zu früh an und sind zu Ende, bevor man wach sein kann. Ich habe es jedenfalls noch nie erlebt, dass ich ausgeschlafen mein Frühstück genießen konnte.
Auch an diesem Morgen war es wieder so. Ich begutachtete die Reste eines vielleicht mal üppigen Buffets. Der Kaffeetank war bis auf eine lauwarme braune Pfütze leer und gurgelte so verzweifelt, als erläge ein Soldat gerade seinen tödlichen Wunden. Zu essen gab es nur noch Cornflakes, die inzwischen feucht und weich waren. Die Serviererinnen hatten hübsche weiße Schürzen und mürrische Mienen angelegt. Sie ließen mich deutlich spüren, dass sie mein spätes Erscheinen sehr missbilligten.
Nachdem ich die braune Pfütze, die ich verzweifelt mit sehr viel Zucker und Milch verdünnte, getrunken hatte, begann ich endlich, langsam meine Umgebung wahrzunehmen. Und sah wieder direkt hinüber zu dem Mädchen an einem Tisch, der sich an den Rand des Frühstückraums drängte. Sie hatte noch etwas frischen Orangensaft und vor sich auf dem Teller ein Schwarzbrot mit roter Marmelade. Ich sah ihr beim Essen zu, und ich war ein bisschen verliebt.
Das heißt, heute weiß ich, dass ich ganz und gar in sie verliebt war. Sie wusste davon aber nichts, und wie an den anderen Morgen auch verließ sie mich. Einfach so, nachdem sie den Orangensaft getrunken hatte. Die großen Flügeltüren schlossen sich hinter ihr, der große Magen des Hotels verschluckte sie. „Wahrscheinlich werde ich sie nie wiedersehen“, dachte ich in diesem Augenblick.
Aber irgendwann werde ich wieder dort sein. Und sie wird bestimmt auch da sein. Dann werde ich ganz früh aufstehen und ihr einen Orangensaft und ein Schwarzbrot mit roter Marmelade hinstellen und sie fragen, ob ich mich zu ihr setzen darf. Sie wird nicken. Und wenn ich Glück habe, dann wird sie sich auch in mich verlieben. Wir werden dann jeden Morgen zusammen in einem riesigen Doppelbett frühstücken. Bis zum letzten Tag. An diesem Tag werden wir uns in die Augen sehen, uns unter Tränen küssen und uns wieder verabschieden. Sie wird nach links gehen, und ich nach rechts. Ich werde heimlich zurückgehen und schauen, ob sie noch da ist. Sie wird aber nicht da sein, weil sie erst eine Minute später zurückkommt und nachschaut, ob ich da bin. Und so werden wir den ganzen Tag in der großen Stadt aneinander vorbeilaufen.
Das ist der Grund, warum ich die Karte des Hotels noch immer bei mir trage. Wenn wir uns ein zweites Mal dort treffen, dann werden wir uns lieben. Den ganzen Tag und die ganze Nacht, und sogar am Morgen. Sie wird die gelbe Sonnenbrille abnehmen und mir ihren Namen ins linke Ohr flüstern. Wir werden uns so sehr lieben, dass wir alle Buffets dieser Welt vergessen.
Und ich werde endlich wissen, was ich im Hotel Wandl wirklich verloren habe.
Ich hab keine Ahnung, wie lange Seelen leben, aber ich glaube sehr lange. Ganz sicher weit mehr als 200 Jahre. Manchmal trifft man einen Menschen, der keine Seele mehr zu haben scheint – sie wohnt dann in einem anderen Land oder in einem Hotel. Es ist kein einfaches Leben dort, weil Ankunft und Abschied so eng beieinander sind.
Seit Jahren habe ich die Karte des Hotels Wandl in Wien immer bei mir. Inzwischen glaube ich, dass ich dort etwas Wichtiges verloren haben muss. Oder, wenn ich noch genauer sein will, dass ich etwas hinterlegt habe. Deshalb muss ich irgendwann wieder zurückkehren, in das Hotel Wandl.
Zur gleichen Zeit wie ich, es war ein vom Sommer erschöpfter September, übernachtete ein Mädchen mit kurzen roten Haaren und einer großen gelben Sonnenbrille im Hotel. Ich sah sie jeden Morgen beim Frühstück. Obwohl der Raum nicht sehr hell war, nahm sie nie ihre Sonnenbrille ab. Was ich an Hotels hasse, sind die Frühstücksbuffets. Sie fangen zu früh an und sind zu Ende, bevor man wach sein kann. Ich habe es jedenfalls noch nie erlebt, dass ich ausgeschlafen mein Frühstück genießen konnte.
Auch an diesem Morgen war es wieder so. Ich begutachtete die Reste eines vielleicht mal üppigen Buffets. Der Kaffeetank war bis auf eine lauwarme braune Pfütze leer und gurgelte so verzweifelt, als erläge ein Soldat gerade seinen tödlichen Wunden. Zu essen gab es nur noch Cornflakes, die inzwischen feucht und weich waren. Die Serviererinnen hatten hübsche weiße Schürzen und mürrische Mienen angelegt. Sie ließen mich deutlich spüren, dass sie mein spätes Erscheinen sehr missbilligten.
Nachdem ich die braune Pfütze, die ich verzweifelt mit sehr viel Zucker und Milch verdünnte, getrunken hatte, begann ich endlich, langsam meine Umgebung wahrzunehmen. Und sah wieder direkt hinüber zu dem Mädchen an einem Tisch, der sich an den Rand des Frühstückraums drängte. Sie hatte noch etwas frischen Orangensaft und vor sich auf dem Teller ein Schwarzbrot mit roter Marmelade. Ich sah ihr beim Essen zu, und ich war ein bisschen verliebt.
Das heißt, heute weiß ich, dass ich ganz und gar in sie verliebt war. Sie wusste davon aber nichts, und wie an den anderen Morgen auch verließ sie mich. Einfach so, nachdem sie den Orangensaft getrunken hatte. Die großen Flügeltüren schlossen sich hinter ihr, der große Magen des Hotels verschluckte sie. „Wahrscheinlich werde ich sie nie wiedersehen“, dachte ich in diesem Augenblick.
Aber irgendwann werde ich wieder dort sein. Und sie wird bestimmt auch da sein. Dann werde ich ganz früh aufstehen und ihr einen Orangensaft und ein Schwarzbrot mit roter Marmelade hinstellen und sie fragen, ob ich mich zu ihr setzen darf. Sie wird nicken. Und wenn ich Glück habe, dann wird sie sich auch in mich verlieben. Wir werden dann jeden Morgen zusammen in einem riesigen Doppelbett frühstücken. Bis zum letzten Tag. An diesem Tag werden wir uns in die Augen sehen, uns unter Tränen küssen und uns wieder verabschieden. Sie wird nach links gehen, und ich nach rechts. Ich werde heimlich zurückgehen und schauen, ob sie noch da ist. Sie wird aber nicht da sein, weil sie erst eine Minute später zurückkommt und nachschaut, ob ich da bin. Und so werden wir den ganzen Tag in der großen Stadt aneinander vorbeilaufen.
Das ist der Grund, warum ich die Karte des Hotels noch immer bei mir trage. Wenn wir uns ein zweites Mal dort treffen, dann werden wir uns lieben. Den ganzen Tag und die ganze Nacht, und sogar am Morgen. Sie wird die gelbe Sonnenbrille abnehmen und mir ihren Namen ins linke Ohr flüstern. Wir werden uns so sehr lieben, dass wir alle Buffets dieser Welt vergessen.
Und ich werde endlich wissen, was ich im Hotel Wandl wirklich verloren habe.


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