Mein Leben mit Mitsu
Der Blog zu dem Buch "Mein Leben mit Mitsu"
Montag, August 30, 2004
Anna ist Mitsus Freundin und etwas seltsam und nett. Eigentlich ist sie eher seltsam als nett. Sie schimpft immer über alles und jeden, dabei fliegen ihre Hände mit den viel zu roten Fingernägeln durch die Luft wie aufgeschreckte Vögel. Immerhin hat sie hübsche Füße mit hübschen Zehen und das gleiche Lachen wie Mitsu. Nur ihr Zahnfleisch ist nicht so besonders. Sie läuft im Sommer wie im Winter barfuss durch die Stadt, und wenn sie von der Stadt genug hat, besucht sie uns, setzt sich an den Küchentisch und beginnt sofort sehr schnell zu reden. Irgendwann steigert sich das Reden zu einem Schimpfen, es wird dann sehr laut. Mitsu nickt dazu, ich schaue irgendwohin und vergesse dabei, dass es mich gibt. Aber wenn Anna wieder weg ist, gibt mir Mitsu einen Kuss und sagt, sie wäre nun mal eine gute Freundin. Ich lasse mich gerne von Mitsu küssen. Also freue ich mich immer darüber, wenn Anna uns besuchen kommt.
Freitag, August 27, 2004
Mitgenommen
Mein schwerhöriger Freund nahm Mitsu und mich in seinem klapprigen weißen Peugeot mit. Ich mag das nicht, mitgenommen zu werden. Aber es ist bequem. Ich sagte seiner Freundin Miriam, dass sie ein bisschen wie das Mädchen aus dem Buch Tsugumi ist. Sie schwieg. Es war das erste Mal, dass ich sie schweigend erlebte. Ich habe ihr das Buch Tsugumi ausgeliehen. Vielleicht schwieg sie, weil es Vollmond war, ein Vollmond, der auf eine Reise geht, von der Jules Verne träumte. In einem Luftschiff, das um die Welt reist.
Ich hatte zwei Flaschen Wein eingepackt, Käse, ich glaube Gouda, in Alufolie eingewickelt. Eigentlich mache ich Werbetexte, für alles Mögliche. Schmuck, Kunst, Fischfutter und Alufolie. Das hat mir Spaß gemacht, meinen Auftraggebern aber immer seltener. Seitdem ich keinen Job mehr habe, versuche ich es als Schriftsteller. Das heißt, wenn ich mich langweile und nicht gerade mit Mitsu unterwegs bin, wenn sie schläft und ich nicht schlafen kann, weil das Licht des Monds mich berührt, dann setze ich mich hin und schreibe und trinke Wein. Am nächsten Tag lösche ich die meisten Texte.
Es ist schön, Schriftsteller zu sein. Man braucht dann kein schlechtes Gewissen mehr zu haben, im Nichts zu sein.
Ich hatte zwei Flaschen Wein eingepackt, Käse, ich glaube Gouda, in Alufolie eingewickelt. Eigentlich mache ich Werbetexte, für alles Mögliche. Schmuck, Kunst, Fischfutter und Alufolie. Das hat mir Spaß gemacht, meinen Auftraggebern aber immer seltener. Seitdem ich keinen Job mehr habe, versuche ich es als Schriftsteller. Das heißt, wenn ich mich langweile und nicht gerade mit Mitsu unterwegs bin, wenn sie schläft und ich nicht schlafen kann, weil das Licht des Monds mich berührt, dann setze ich mich hin und schreibe und trinke Wein. Am nächsten Tag lösche ich die meisten Texte.
Es ist schön, Schriftsteller zu sein. Man braucht dann kein schlechtes Gewissen mehr zu haben, im Nichts zu sein.
Dienstag, August 24, 2004
Paul wird Vater
Es ist schon 19.13 Uhr. Ich sitze wie fast die ganzen letzten Tage mal wieder zusammen mit Paul in seinem neuen Plattenladen. Seine Frau hatte ihn letzte Woche rausgeschmissen, und immer, wenn sie das tut, zieht Paul in seinem Laden und wohnt dort.
„Die spinnt, die Alte“ ist alles, was er dazu sagt.
Sie ist aber auch im neunten Monat schwanger. Und Paul hat vor zwei Wochen das Rauchen aufgegeben und versucht es jetzt mit Barcadi-Cola. Na ja. Es scheint zu helfen, bis auf die Kleinigkeit, dass er jetzt noch ungenießbarer ist als sonst. Kein Wunder wenn sie durchdreht.
„Wird schon wieder werden“, denke ich und grinse ihn an. Ich weiß, er hasst das, und schon haben wir eine Grundsatzdiskussion. In der Richtung: „Du bist ja vielleicht ein Freund.“ Es ist seltsam. Er fragt mich kein einziges Mal, wie es mir geht. Ob ich vielleicht auch Probleme habe. Verglichen mit ihm habe ich aber auch keine.
Seinen Laden hat er vor vier Wochen eröffnet. Still und leise. Weil kein Geld da war. Ist es jetzt auch noch nicht. Dafür hat er viele alte Schallplatten, vor allem Singles. Wir hören seit Stunden Tina Turner, die mit jeder Umdrehung schriller schreit. Es ist inzwischen 19.33 Uhr, und Paul nimmt die dritte Barcadi-Cola in Angriff. Die Hoffnung, dass der Alkohol ihn beruhigen würde, habe ich längst aufgegeben. „Ist die hübsch“, ruft er plötzlich und glubscht hinaus auf die Straße. Am Schaufenster stolziert gerade ein umwerfend schönes Mädchen vorbei, und die Sonne verabschiedet sich als wäre sie ein rot lackierter Fingernagel. Tina Turner klingt inzwischen heiser. Ich versuche etwas zu sagen. Aber mir fällt nichts mehr ein. Wir hören zu, wie sich immer mehr Staub auf die Stimme legte. Plötzlich rutscht die Nadel über die Single, auf das Papier in der Mitte. Es gibt ein knackendes, rhythmisches Geräusch.
Pauls Telefon klingelt. Ich schaue auf die Uhr. Es ist 19.55 Uhr.
„Die spinnt, die Alte“ ist alles, was er dazu sagt.
Sie ist aber auch im neunten Monat schwanger. Und Paul hat vor zwei Wochen das Rauchen aufgegeben und versucht es jetzt mit Barcadi-Cola. Na ja. Es scheint zu helfen, bis auf die Kleinigkeit, dass er jetzt noch ungenießbarer ist als sonst. Kein Wunder wenn sie durchdreht.
„Wird schon wieder werden“, denke ich und grinse ihn an. Ich weiß, er hasst das, und schon haben wir eine Grundsatzdiskussion. In der Richtung: „Du bist ja vielleicht ein Freund.“ Es ist seltsam. Er fragt mich kein einziges Mal, wie es mir geht. Ob ich vielleicht auch Probleme habe. Verglichen mit ihm habe ich aber auch keine.
Seinen Laden hat er vor vier Wochen eröffnet. Still und leise. Weil kein Geld da war. Ist es jetzt auch noch nicht. Dafür hat er viele alte Schallplatten, vor allem Singles. Wir hören seit Stunden Tina Turner, die mit jeder Umdrehung schriller schreit. Es ist inzwischen 19.33 Uhr, und Paul nimmt die dritte Barcadi-Cola in Angriff. Die Hoffnung, dass der Alkohol ihn beruhigen würde, habe ich längst aufgegeben. „Ist die hübsch“, ruft er plötzlich und glubscht hinaus auf die Straße. Am Schaufenster stolziert gerade ein umwerfend schönes Mädchen vorbei, und die Sonne verabschiedet sich als wäre sie ein rot lackierter Fingernagel. Tina Turner klingt inzwischen heiser. Ich versuche etwas zu sagen. Aber mir fällt nichts mehr ein. Wir hören zu, wie sich immer mehr Staub auf die Stimme legte. Plötzlich rutscht die Nadel über die Single, auf das Papier in der Mitte. Es gibt ein knackendes, rhythmisches Geräusch.
Pauls Telefon klingelt. Ich schaue auf die Uhr. Es ist 19.55 Uhr.
Montag, August 23, 2004
Der Leguan
„Warum ausgerechnet ein Leguan?“ fragte ich Mitsu.
„Weil die cool sind. Kenne keinen, der einen hat.“
„Wie kommste dann drauf? Du weißt doch gar nicht, wie die sind.“
Wenn ein Stern sie berührte, würde er verglühen.
„Na gut, und wo kriegt man so einen her?“ fragte ich.
„Hab ihn schon.“
Sie holte ihre Kühltasche und öffnete sie. Ein grünes Reptil blickte mir mit schwarzen, sehr ausdruckslosen Augen entgegen. Es war nur 20 cm groß, inklusive Schwanz, und sah eigentlich ganz niedlich aus.
„Sieht eigentlich ganz niedlich aus.“ Ich wollte heute nett sein.
„Wenn der groß ist, wird er bis zu 2 Meter.“
„Ach ja? Damit hat sich das Thema Hund erledigt. Wir brauchen bloß einen Zettel aufhängen: Vorsicht Krokodil. Meinst du, die Kühltasche ist der richtige Ort? Braucht der nicht ein Terrarium?“
„Das ist deine Sache. Ich hab ihn gekauft, jetzt mußt Du was machen.“
Ich sah das Reptil an. Es schaute ausdruckslos zurück. Dann schaute ich Mitsu an. Nickte resigniert. Und fiel beinah um, so heftig knallte sie ihre Lippen auf meine.
Seitdem haben wir einen Leguan. Und ein Terrarium. Jedes Mal, wenn er einen Zentimeter größer geworden ist, bekomme ich einen Kuss von Mitsu. Wenn ich Glück habe wird er ja wirklich 2 Meter lang.
„Weil die cool sind. Kenne keinen, der einen hat.“
„Wie kommste dann drauf? Du weißt doch gar nicht, wie die sind.“
Wenn ein Stern sie berührte, würde er verglühen.
„Na gut, und wo kriegt man so einen her?“ fragte ich.
„Hab ihn schon.“
Sie holte ihre Kühltasche und öffnete sie. Ein grünes Reptil blickte mir mit schwarzen, sehr ausdruckslosen Augen entgegen. Es war nur 20 cm groß, inklusive Schwanz, und sah eigentlich ganz niedlich aus.
„Sieht eigentlich ganz niedlich aus.“ Ich wollte heute nett sein.
„Wenn der groß ist, wird er bis zu 2 Meter.“
„Ach ja? Damit hat sich das Thema Hund erledigt. Wir brauchen bloß einen Zettel aufhängen: Vorsicht Krokodil. Meinst du, die Kühltasche ist der richtige Ort? Braucht der nicht ein Terrarium?“
„Das ist deine Sache. Ich hab ihn gekauft, jetzt mußt Du was machen.“
Ich sah das Reptil an. Es schaute ausdruckslos zurück. Dann schaute ich Mitsu an. Nickte resigniert. Und fiel beinah um, so heftig knallte sie ihre Lippen auf meine.
Seitdem haben wir einen Leguan. Und ein Terrarium. Jedes Mal, wenn er einen Zentimeter größer geworden ist, bekomme ich einen Kuss von Mitsu. Wenn ich Glück habe wird er ja wirklich 2 Meter lang.
Sonntag, August 22, 2004
Nudelsuppenimbiss
Ich beschloss, meine inzwischen großartigen Kenntnisse der Nudelsuppenherstellung umzusetzen und einen kleinen Imbiss aufzumachen, so einen Imbiss wie in den Hongkong-Filmen. Auch wenn ich nie in Hongkong gewesen bin, ich hatte ein Gefühl dafür, wie so etwas auszusehen hätte. Ich fragte meinen schwerhörigen Freund, ob wir ihn nicht zusammen aufmachen wollten. Er hatte ja gerade einen Führerschein gemacht, er konnte also jeden Tag Nudeln und Hühner einkaufen. Ich würde die Hühner rupfen, die Nudeln kochen und Suppe machen.
Es dauerte genau eine lange Stunde, bis er mich endlich verstanden hatte, und ich erfuhr in der Zeit eine ganze Menge neuer Dinge. Zum Beispiel, dass die Zukunft der Speichertechnologie Chips seien, die mit Licht speicherten. Das klang irgendwie toll, aber eigentlich konnte ich gar nichts damit anfangen, Computer sind mir ziemlich egal.
Was allein zählt, sind die Nudeln.
Es dauerte genau eine lange Stunde, bis er mich endlich verstanden hatte, und ich erfuhr in der Zeit eine ganze Menge neuer Dinge. Zum Beispiel, dass die Zukunft der Speichertechnologie Chips seien, die mit Licht speicherten. Das klang irgendwie toll, aber eigentlich konnte ich gar nichts damit anfangen, Computer sind mir ziemlich egal.
Was allein zählt, sind die Nudeln.
Mittwoch, August 18, 2004
Tag aus Papier
Heute ist ein Tag aus Papier. Überhaupt nichts los. Die bunten Träume verblassen in dem Augenblick, als das Telefon klingelt. Beim dritten Läuten habe ich meinen Traum ganz vergessen. Paul ist dran. „Was willst du?“ – „Ich spiele gerade ein Videospiel, Makaruma sonst was, das Spiel ist so toll, ich bin ...“
Das Gespräch dauert ungefähr eine halbe Stunde, bis er endlich auflegt. Ich weiß jetzt, dass er Makaruma sonst was toll findet. Sack! Mein Traum ist kaputt. Ich ziehe den Telefonstecker aus der Buchse. Bin nicht mehr da. Nicht erreichbar.
Der Tag hat noch immer die gleiche Färbung. Zwischendurch regnet es. Immerhin etwas.
Schattenfreies Wasser sammelt sich in Pfützen auf der kleinen Straße.
Ich liebe Mitsu. Ich schaue aus dem Fenster und weiß, dass ich sie liebe. Und mit ihr kommt eine Erinnerung an meinen Traum zurück, eine Erinnerung ohne Inhalt, nur das Gefühl. Die Wirklichkeit hat sich verflüssigt. Die Bäume draußen stehen, jeder für sich, in der Gegend herum. Nur manchmal berühren sich ihre Äste, zitternd, schwankend. Ihre Jahresringe sind ihre Memoiren. Aber wovon träumen Bäume, wenn es Nacht wird?
Das Gespräch dauert ungefähr eine halbe Stunde, bis er endlich auflegt. Ich weiß jetzt, dass er Makaruma sonst was toll findet. Sack! Mein Traum ist kaputt. Ich ziehe den Telefonstecker aus der Buchse. Bin nicht mehr da. Nicht erreichbar.
Der Tag hat noch immer die gleiche Färbung. Zwischendurch regnet es. Immerhin etwas.
Schattenfreies Wasser sammelt sich in Pfützen auf der kleinen Straße.
Ich liebe Mitsu. Ich schaue aus dem Fenster und weiß, dass ich sie liebe. Und mit ihr kommt eine Erinnerung an meinen Traum zurück, eine Erinnerung ohne Inhalt, nur das Gefühl. Die Wirklichkeit hat sich verflüssigt. Die Bäume draußen stehen, jeder für sich, in der Gegend herum. Nur manchmal berühren sich ihre Äste, zitternd, schwankend. Ihre Jahresringe sind ihre Memoiren. Aber wovon träumen Bäume, wenn es Nacht wird?
Sonntag, August 15, 2004
Der Tag, an dem das Hochwasser kam
Über zwei Wochen lang fiel nun schon dichter Regen, der ein Kleid aus Wasser für das Land wob. Jeden Tag schauten wir mehrmals in den Keller unseres Häuschens, immer in der Befürchtung, dass das Wasser ihn überschwemmen könnte. Nach zwei Wochen war es schon Routine geworden, das Haus war ringsum von Wasser umgeben und wirkte wie eine Insel. Und allmählich beruhigten wir uns. Aber dann geschah es doch. Mitsu kam aufgeregt nach oben, ihre Augen bewegten sich mit einer Geschwindigkeit, wie ich es noch nie gesehen hatte.
„Der Keller steht unter Wasser.“
Ich lief mit hinunter, und staunte. Was ein etwas staubiger, grauer Keller gewesen war, lag jetzt als ruhiger stiller Teich vor uns. „Irgendwie schön“, sagte ich. Es fehlten nur die Fische, und der unterirdische See wäre perfekt gewesen. Mitsu sah das anders. Sie schaute mich so verzweifelt an, dass ich augenblicklich meinen Mund hielt. Danach drückte sie mir in jede Hand einen Eimer. Ich seufzte und begann, den Keller auszuschöpfen. Nach vier Stunden gab ich auf, und kurze Zeit später auch Mitsu. Sie weinte. Ich nahm sie in den Arm und machte uns danach eine riesige Kanne Kaffee. Die Feuchtigkeit hatte uns kalt und klamm gemacht.
„Der Keller steht unter Wasser.“
Ich lief mit hinunter, und staunte. Was ein etwas staubiger, grauer Keller gewesen war, lag jetzt als ruhiger stiller Teich vor uns. „Irgendwie schön“, sagte ich. Es fehlten nur die Fische, und der unterirdische See wäre perfekt gewesen. Mitsu sah das anders. Sie schaute mich so verzweifelt an, dass ich augenblicklich meinen Mund hielt. Danach drückte sie mir in jede Hand einen Eimer. Ich seufzte und begann, den Keller auszuschöpfen. Nach vier Stunden gab ich auf, und kurze Zeit später auch Mitsu. Sie weinte. Ich nahm sie in den Arm und machte uns danach eine riesige Kanne Kaffee. Die Feuchtigkeit hatte uns kalt und klamm gemacht.
Donnerstag, August 12, 2004
Das fehlende X
Ich hatte immer Schwierigkeiten, mit dem Computer zu schreiben. Was dort steht, gibt es noch nicht. Bei einem Absturz ist es, als hätte es nie etwas gegeben. Der Text im Computer ist eigentlich gar nicht „da“. Deswegen verteidigte ich meine Schreibmaschine, eine kleine, leise, elektronische Schreibmaschine. Sie war von Casio und nicht besonders stabil. Irgendwann reagierten die Tasten nicht mehr so richtig. Erst das X. Es dauerte etwas, bis ich es bemerkte, es gibt ja nicht so viele Worte mit X.
Also beschloss ich, das Problem zu ignorieren und die Worte mit X einfach wegzulassen. Doch danach erwischte es das R. Ab da wurde es zur Qual, auf dieser Maschine einen Text zu schreiben. Die Sätze sahen so aus: „Ich annte den Beg heunte.“ Also ließ ich es. Ich hörte einfach auf zu schreiben. Mehrere Jahrzehnte lang. Und als ich wieder anfing, versuchte ich mich an Wörter mit X zu erinnern. In dieser Zeit dachte ich viel an Sex.
Also beschloss ich, das Problem zu ignorieren und die Worte mit X einfach wegzulassen. Doch danach erwischte es das R. Ab da wurde es zur Qual, auf dieser Maschine einen Text zu schreiben. Die Sätze sahen so aus: „Ich annte den Beg heunte.“ Also ließ ich es. Ich hörte einfach auf zu schreiben. Mehrere Jahrzehnte lang. Und als ich wieder anfing, versuchte ich mich an Wörter mit X zu erinnern. In dieser Zeit dachte ich viel an Sex.
Mittwoch, August 11, 2004
Sinnlosigkeit
Ich saß mal wieder nutzlos herum und dachte nicht daran zu arbeiten. Weil Texte vielleicht nicht dazu da sind, zu beschreiben, sondern Wirklichkeit zu erschaffen, empfand ich die ganze Sinnlosigkeit, hier herumzusitzen und den Leuten zuzuschauen, wie sie versuchten, ihre Züge zu erreichen.
Ein Freund von mir machte heute Filmaufnahmen im Bahnhof. Über Fotokabinen. Und Beine. Schritte. Das Gesicht seiner Freundin. Die Bedienungsanleitung der Fotokabine. „Drücken Sie den roten Knopf. Warten Sie drei Minuten.“ Ich wartete und trank einen Schluck Kaffee, dessen Bitterkeit auch zwei Tüten Zucker nicht überdecken konnten.
Es gab etwas an diesem Nachmittag, das mir trotzdem gefiel. Die Unwichtigkeit des Augenblicks. Ich würde mich nicht daran erinnern müssen. Ich würde nichts Besonderes daraus machen müssen. Ich brauchte nur hier herumzusitzen und irgendwann würde ich gehen. Und es war egal, wohin, denn es war niemand da, der auf mich wartete.
Ein Freund von mir machte heute Filmaufnahmen im Bahnhof. Über Fotokabinen. Und Beine. Schritte. Das Gesicht seiner Freundin. Die Bedienungsanleitung der Fotokabine. „Drücken Sie den roten Knopf. Warten Sie drei Minuten.“ Ich wartete und trank einen Schluck Kaffee, dessen Bitterkeit auch zwei Tüten Zucker nicht überdecken konnten.
Es gab etwas an diesem Nachmittag, das mir trotzdem gefiel. Die Unwichtigkeit des Augenblicks. Ich würde mich nicht daran erinnern müssen. Ich würde nichts Besonderes daraus machen müssen. Ich brauchte nur hier herumzusitzen und irgendwann würde ich gehen. Und es war egal, wohin, denn es war niemand da, der auf mich wartete.
Sonntag, August 08, 2004
Der Tag, an dem ich Mitsu wieder sah
Im Norden der Stadt gibt es eine Brücke, die über den Güterbahnhof führt. Man fühlt sich dort ein wenig wie in einer großen, bedeutenden Stadt. Ich stand gern auf der Brücke und sah zu, wie die Züge sich teilten, wieder verbanden, Ketten bildeten und sich in winzige kleine Teile auflösten. Von hier oben sah es aus wie Spielzeug. Normalerweise war ich allein und blieb es auch. Und um mich herum geschah nichts, es war keine Gegend zum Spazierengehen, sondern zum Durchfahren. Meistens war ich nur da, wenn mir nichts anderes einfiel.
Der Tag war wieder leer gewesen, und kein Haken da, an dem ich ihn hätte aufhängen können. Ich zog meinen schwarzen Pullover an, trank noch einen Schluck Kaffee und verabschiedete mich von meinem Häuschen. Ein Mittwoch. Der Tag, an dem man beginnt zu spüren, dass die Woche bald zu Ende ist. Ein leichter Wind wirbelte verspielt um die Häuser. Ich stand auf der Brücke, hinter mir rauschten die Autos vorbei. Jemand stand neben mir, fast unmerklich musste sie gekommen sein, ich wusste nicht wann und warum. Es war Mitsu. Sie schaute hinab auf das undurchsichtige Gewirr von Gleisen, Waggons, die den richtigen Zügen zugeordnet wurden. Waggons mit Eisenteilen, Maschinen. Es gab sogar Fisch in großen Kühlbehältern, wenn man den Aufschriften glaubte.
„Hallo, Mitsu.“
Sie beugte sich noch weiter über das Geländer. Dann erst schaute sie mich an.
„Hallo.“ Sie lächelte. Ein Lächeln, dass mir weh tat.
„Wie geht’s dir?“
„Ganz gut.“
Sie hatte ihre Kühltasche dabei.
„Kommst du mit Kaffee trinken?“ fragte ich.
Sie schüttelte kurz den Kopf.
„Ich lade dich auch ein.“
Mitsu lachte. Wir tranken Kaffee. Wie damals, als wir uns das erste Mal getroffen hatten. Nur dass ich diesmal nicht wusste, was ich sagen sollte. Mitsu schwieg ebenfalls. Ich dachte an Nudelsuppe, die ich schon lange nicht mehr zubereitet hatte. Sie stand auf und ging, als wäre sie allein hier und als wäre ihr gerade eingefallen, dass sie wegmusste. Kurze Zeit später war sie verschwunden. Vielleicht würden mich ja die Züge wegbringen. Weit weg. In ein Land, das nicht von ihr berührt wird.
Der Tag war wieder leer gewesen, und kein Haken da, an dem ich ihn hätte aufhängen können. Ich zog meinen schwarzen Pullover an, trank noch einen Schluck Kaffee und verabschiedete mich von meinem Häuschen. Ein Mittwoch. Der Tag, an dem man beginnt zu spüren, dass die Woche bald zu Ende ist. Ein leichter Wind wirbelte verspielt um die Häuser. Ich stand auf der Brücke, hinter mir rauschten die Autos vorbei. Jemand stand neben mir, fast unmerklich musste sie gekommen sein, ich wusste nicht wann und warum. Es war Mitsu. Sie schaute hinab auf das undurchsichtige Gewirr von Gleisen, Waggons, die den richtigen Zügen zugeordnet wurden. Waggons mit Eisenteilen, Maschinen. Es gab sogar Fisch in großen Kühlbehältern, wenn man den Aufschriften glaubte.
„Hallo, Mitsu.“
Sie beugte sich noch weiter über das Geländer. Dann erst schaute sie mich an.
„Hallo.“ Sie lächelte. Ein Lächeln, dass mir weh tat.
„Wie geht’s dir?“
„Ganz gut.“
Sie hatte ihre Kühltasche dabei.
„Kommst du mit Kaffee trinken?“ fragte ich.
Sie schüttelte kurz den Kopf.
„Ich lade dich auch ein.“
Mitsu lachte. Wir tranken Kaffee. Wie damals, als wir uns das erste Mal getroffen hatten. Nur dass ich diesmal nicht wusste, was ich sagen sollte. Mitsu schwieg ebenfalls. Ich dachte an Nudelsuppe, die ich schon lange nicht mehr zubereitet hatte. Sie stand auf und ging, als wäre sie allein hier und als wäre ihr gerade eingefallen, dass sie wegmusste. Kurze Zeit später war sie verschwunden. Vielleicht würden mich ja die Züge wegbringen. Weit weg. In ein Land, das nicht von ihr berührt wird.
Donnerstag, August 05, 2004
Ein Freund
Mein Freund Paul ist groß und fast taub, und eigentlich ist er kein richtiger Freund. Ich muss schreien, damit er mich versteht, und meistens versteht er mich trotzdem nicht. Er fragt nur selten nach, was ich gesagt habe. Stattdessen redet er viel. Sehr viel.
Er erzählt mir, wie er die Welt sieht. Wie die Welt, seiner Meinung nach, funktioniert. Welche technologischen Entwicklungen unser Leben umstürzen werden. Er ist eigentlich so ähnlich wie ich, nur dass ich unheimlich viel zuhöre. Ich bin ein guter Zuhörer, weil ich nicht viel rede. Und eigentlich, glaube ich, kommt es für ihn gar nicht darauf an, ob wir das Gleiche meinen.
Er trinkt gerne Kaffee. Immer, wenn er zu mir nach Hause kommt, will er Kaffee trinken. Ich muss dann Wasser kochen, Kaffee in die Filtertüte füllen und warten. Der Kaffee tropft langsam durch den Filter, die Zeit dehnt sich. Ich hasse es, für andere Kaffee zu kochen. Ich brauche Zeit und Ruhe dafür. Ich mag es nicht, wenn andere dabei sind. Wenn ich koche, will ich allein sein. Mein Freund sagt, ich wäre ein schlechter Gastgeber, wenn ich keinen Kaffee koche. Vielleicht bin ich ein schlechter Gastgeber, aber ich hasse es wirklich.
Auch ich mache mir Gedanken. Ich glaube, ich denke viel nach. Eine Frau, die Kunst macht, indem sie ihren nackten Körper mit Farbe bemalt und sich über eine Leinwand rollt, sagte mir, dass ich zu viel denke und zu wenig atme. Ich glaube ihr nicht. Wenn ich zu wenig atmen würde, wäre ich tot. Aber ich denke darüber nach.
Mein Freund raucht und trinkt, wenn er nicht fahren muss, Bier und spielt Videospiele. Auch ich spiele Videospiele und trinke Bier, aber noch lieber trinke ich Wein. Da unterscheiden wir uns. Und ich habe keinen Führerschein. In Deutschland einen Führerschein zu haben, erscheint mir unmoralisch.
Ich versuche, es meinem Freund zu erklären. Er versteht mich nur unvollkommen, obwohl er sein Hörgerät eingeschaltet hat. Ich glaube, er lebt in einer eigenen Welt. Man muss in einer eigenen Welt leben, wenn man das allgemeine Gerede nicht hören mag. Aber auch ich lebe in einer eigenen Welt, obwohl ich immer zuhöre.
Mein Freund versteht, dass ich Führerheime für Autobahnen will. Ich versuche es erneut zu erklären. Er nickt. Ich weiß nicht, ob er mich verstanden hat. Ich glaube manchmal, es interessiert ihn gar nicht, was ich sage. Er ist nett, und schwerhörig. Aber irgendetwas stimmt nicht. Vielleicht, weil er so ähnlich ist wie ich. Ich gehe zum Kühlschrank und hole zwei Dosen Bier. Helles Bier, das wir aus der Dose trinken. Die Leute reden viel. Aber da sind wir uns einig. Mein Freund und ich, wir mögen das Bier am liebsten aus der Dose.
Er erzählt mir, wie er die Welt sieht. Wie die Welt, seiner Meinung nach, funktioniert. Welche technologischen Entwicklungen unser Leben umstürzen werden. Er ist eigentlich so ähnlich wie ich, nur dass ich unheimlich viel zuhöre. Ich bin ein guter Zuhörer, weil ich nicht viel rede. Und eigentlich, glaube ich, kommt es für ihn gar nicht darauf an, ob wir das Gleiche meinen.
Er trinkt gerne Kaffee. Immer, wenn er zu mir nach Hause kommt, will er Kaffee trinken. Ich muss dann Wasser kochen, Kaffee in die Filtertüte füllen und warten. Der Kaffee tropft langsam durch den Filter, die Zeit dehnt sich. Ich hasse es, für andere Kaffee zu kochen. Ich brauche Zeit und Ruhe dafür. Ich mag es nicht, wenn andere dabei sind. Wenn ich koche, will ich allein sein. Mein Freund sagt, ich wäre ein schlechter Gastgeber, wenn ich keinen Kaffee koche. Vielleicht bin ich ein schlechter Gastgeber, aber ich hasse es wirklich.
Auch ich mache mir Gedanken. Ich glaube, ich denke viel nach. Eine Frau, die Kunst macht, indem sie ihren nackten Körper mit Farbe bemalt und sich über eine Leinwand rollt, sagte mir, dass ich zu viel denke und zu wenig atme. Ich glaube ihr nicht. Wenn ich zu wenig atmen würde, wäre ich tot. Aber ich denke darüber nach.
Mein Freund raucht und trinkt, wenn er nicht fahren muss, Bier und spielt Videospiele. Auch ich spiele Videospiele und trinke Bier, aber noch lieber trinke ich Wein. Da unterscheiden wir uns. Und ich habe keinen Führerschein. In Deutschland einen Führerschein zu haben, erscheint mir unmoralisch.
Ich versuche, es meinem Freund zu erklären. Er versteht mich nur unvollkommen, obwohl er sein Hörgerät eingeschaltet hat. Ich glaube, er lebt in einer eigenen Welt. Man muss in einer eigenen Welt leben, wenn man das allgemeine Gerede nicht hören mag. Aber auch ich lebe in einer eigenen Welt, obwohl ich immer zuhöre.
Mein Freund versteht, dass ich Führerheime für Autobahnen will. Ich versuche es erneut zu erklären. Er nickt. Ich weiß nicht, ob er mich verstanden hat. Ich glaube manchmal, es interessiert ihn gar nicht, was ich sage. Er ist nett, und schwerhörig. Aber irgendetwas stimmt nicht. Vielleicht, weil er so ähnlich ist wie ich. Ich gehe zum Kühlschrank und hole zwei Dosen Bier. Helles Bier, das wir aus der Dose trinken. Die Leute reden viel. Aber da sind wir uns einig. Mein Freund und ich, wir mögen das Bier am liebsten aus der Dose.

