Mein Leben mit Mitsu

Der Blog zu dem Buch "Mein Leben mit Mitsu"

Mein Foto
Name: Marcel Magis

Freitag, Oktober 15, 2004

Mercedes

Es ist seltsam zu spüren, wie das eigene Leben immer mehr entgleitet. Hana hatte sich von einem Freund dessen alten gelben Mercedes geliehen und holte mich ab. Wir fuhren durch die Gegend, die nächste Straße ins Nichts. Jerry Lee Lewis voll aufgedreht, dass es schon fast ein bisschen wehtat. Unser Plan war, dass wir uns verirren wollten. In einem Hotel übernachten, und uns dort lieben, als hätten wir uns gerade erst kennen gelernt. Aber die ganze Zeit dachte ich nur daran, etwas verloren zu haben. Es tat weh, über uns nachzudenken, ich hatte sie verletzt, völlig sinnlos. Dann blieben die Worte weg, das Denken versickerte und verschwand. Als ich sie wiedertraf, schliefen wir das erste Mal miteinander, weil es irgendwann passieren musste. Aber es war zu spät passiert. Ich hatte so lange davon geträumt, und es war über den richtigen Zeitpunkt hinweggerutscht.

Je länger wir unterwegs waren, umso sicherer wurde ich mir: Wer die Welt geplant hatte, musste einen entscheidenden Fehler gemacht haben. Wie ein Architekt, der die Tür zum Wohnzimmer vergisst. Man weiß, dass hinter dieser Wand noch ein Zimmer ist, aber man kommt nicht rein. Dann lauscht man und hört den Fernseher. Irgendein Programm, das niemand ausgesucht hat und das ohne Bild nur rätselhafte Töne auszuspucken scheint. Ich kam gegen meine Verzweiflung einfach nicht an. Sie war tiefer als alles andere, was ich bisher in meinem Leben erlebt hatte. Erleben musste. Wenn nicht mal mehr Rock ’n’ Roll Lust aufs Leben macht, was dann? Neben mir saß die Frau, die ich immer geliebt hatte und die jetzt endlich bei mir war. Verschwendetes Glück. Es war einfach zu spät, als dass ich mich noch freuen konnte. Ich sah Hana an und spürte, dass ich sie noch immer liebte. Aber es war eine Liebe, die ein langer, dunkler Abschied geworden war.

Dienstag, Oktober 05, 2004

Hotel Wandl

Hotels sind der Ort flüchtiger Seelen. Nur manchmal, ganz selten, verirrt sich eine Seele und bleibt dort ihr Leben lang wohnen.

Ich hab keine Ahnung, wie lange Seelen leben, aber ich glaube sehr lange. Ganz sicher weit mehr als 200 Jahre. Manchmal trifft man einen Menschen, der keine Seele mehr zu haben scheint – sie wohnt dann in einem anderen Land oder in einem Hotel. Es ist kein einfaches Leben dort, weil Ankunft und Abschied so eng beieinander sind.

Seit Jahren habe ich die Karte des Hotels Wandl in Wien immer bei mir. Inzwischen glaube ich, dass ich dort etwas Wichtiges verloren haben muss. Oder, wenn ich noch genauer sein will, dass ich etwas hinterlegt habe. Deshalb muss ich irgendwann wieder zurückkehren, in das Hotel Wandl.

Zur gleichen Zeit wie ich, es war ein vom Sommer erschöpfter September, übernachtete ein Mädchen mit kurzen roten Haaren und einer großen gelben Sonnenbrille im Hotel. Ich sah sie jeden Morgen beim Frühstück. Obwohl der Raum nicht sehr hell war, nahm sie nie ihre Sonnenbrille ab. Was ich an Hotels hasse, sind die Frühstücksbuffets. Sie fangen zu früh an und sind zu Ende, bevor man wach sein kann. Ich habe es jedenfalls noch nie erlebt, dass ich ausgeschlafen mein Frühstück genießen konnte.

Auch an diesem Morgen war es wieder so. Ich begutachtete die Reste eines vielleicht mal üppigen Buffets. Der Kaffeetank war bis auf eine lauwarme braune Pfütze leer und gurgelte so verzweifelt, als erläge ein Soldat gerade seinen tödlichen Wunden. Zu essen gab es nur noch Cornflakes, die inzwischen feucht und weich waren. Die Serviererinnen hatten hübsche weiße Schürzen und mürrische Mienen angelegt. Sie ließen mich deutlich spüren, dass sie mein spätes Erscheinen sehr missbilligten.
Nachdem ich die braune Pfütze, die ich verzweifelt mit sehr viel Zucker und Milch verdünnte, getrunken hatte, begann ich endlich, langsam meine Umgebung wahrzunehmen. Und sah wieder direkt hinüber zu dem Mädchen an einem Tisch, der sich an den Rand des Frühstückraums drängte. Sie hatte noch etwas frischen Orangensaft und vor sich auf dem Teller ein Schwarzbrot mit roter Marmelade. Ich sah ihr beim Essen zu, und ich war ein bisschen verliebt.
Das heißt, heute weiß ich, dass ich ganz und gar in sie verliebt war. Sie wusste davon aber nichts, und wie an den anderen Morgen auch verließ sie mich. Einfach so, nachdem sie den Orangensaft getrunken hatte. Die großen Flügeltüren schlossen sich hinter ihr, der große Magen des Hotels verschluckte sie. „Wahrscheinlich werde ich sie nie wiedersehen“, dachte ich in diesem Augenblick.

Aber irgendwann werde ich wieder dort sein. Und sie wird bestimmt auch da sein. Dann werde ich ganz früh aufstehen und ihr einen Orangensaft und ein Schwarzbrot mit roter Marmelade hinstellen und sie fragen, ob ich mich zu ihr setzen darf. Sie wird nicken. Und wenn ich Glück habe, dann wird sie sich auch in mich verlieben. Wir werden dann jeden Morgen zusammen in einem riesigen Doppelbett frühstücken. Bis zum letzten Tag. An diesem Tag werden wir uns in die Augen sehen, uns unter Tränen küssen und uns wieder verabschieden. Sie wird nach links gehen, und ich nach rechts. Ich werde heimlich zurückgehen und schauen, ob sie noch da ist. Sie wird aber nicht da sein, weil sie erst eine Minute später zurückkommt und nachschaut, ob ich da bin. Und so werden wir den ganzen Tag in der großen Stadt aneinander vorbeilaufen.

Das ist der Grund, warum ich die Karte des Hotels noch immer bei mir trage. Wenn wir uns ein zweites Mal dort treffen, dann werden wir uns lieben. Den ganzen Tag und die ganze Nacht, und sogar am Morgen. Sie wird die gelbe Sonnenbrille abnehmen und mir ihren Namen ins linke Ohr flüstern. Wir werden uns so sehr lieben, dass wir alle Buffets dieser Welt vergessen.
Und ich werde endlich wissen, was ich im Hotel Wandl wirklich verloren habe.