Mein Leben mit Mitsu

Der Blog zu dem Buch "Mein Leben mit Mitsu"

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Name: Marcel Magis

Montag, November 29, 2004

Herbstplanet

Vielleicht habe ich mein Leben lang Mitsu gesucht, ohne es zu wissen. Was passiert aber, wenn man den Menschen findet, den man schon immer gesucht hat?
Und der sich dann einfach auflöst, als hätte es ihn nie gegeben?

Es ist Herbst, einer von der grauen, trüben Sorte, die sich wie ein Gewicht auf die Menschen legt und sie niederdrückt. Ich sitze tagelang, oder besser gesagt, nächtelang in meiner Lieblingskneipe in einer dunklen Ecke und träume vor mich hin. Ab und zu sage ich etwas, wenn ein Gedanke plötzlich zu laut wird, um ihn stumm hinunterzuschlucken. Die Leute an der Bar schauen mich dann immer etwas irritiert an und sehen plötzlich nicht fröhlich aus. Aber das ist egal, es geht mir um etwas, das ungeheuer wichtig ist. So genau weiß ich das aber auch nicht.
Manchmal spielen sie in meiner Lieblingskneipe Lieder wie „Wild Thing“, und alle singen mit. Das ist der Augenblick, in dem ich merke, dass ich komplett anders bin. Ich bin nicht wild. Ich bin nur anders. Ich bin das, was die anderen nie sein werden. Das Problem ist: Umgekehrt stimmt es genauso. An diesem Abend beschließe ich, mich zu betrinken.

Wenn ich es nur gut genug mache, fange auch ich an zu singen, mit den anderen zusammen, und für einen kurzen Augenblick kann ich glauben, dass ich dazugehöre. Und vielleicht doch auf diesem Planeten zu Hause bin.

Dienstag, November 16, 2004

Sushi

Fisch ist gesund. Und macht schlank. Ich fand mich mal wieder zu dick, eine Zeit, in der ich die Waage im Badezimmer äußerst misstrauisch anschaue. Mir kam plötzlich der Gedanke, dass Japaner ja meistens ganz schlank sind, außer, wenn sie Sumo-Ringer werden wollen. Das muss am wahnsinnig gesunden Essen liegen. Um es kurz zu machen: Ich kaufte mir ein Buch über die Zubereitung von Sushi.

Das Buch zu kaufen war noch einfach gewesen, die Zutaten im Asia-Shop zu finden war schon ein ganz anderes Problem. Es gab ein kleines Regal mit einigen japanischen Lebensmitteln, die fremd aussahen und nur entfernt einen essbaren Eindruck machten. Dazu kam, dass die bunten Packungen zwar bedruckt waren, aber meist nur mit diesen schönen, aber für mich leider unentzifferbaren japanischen Schriftzeichen. Besonders argwöhnisch war ich den Algen gegenüber. Mitsu unterstützte mich auch nicht gerade in meinem Vorhaben, sie hielt es für eine meiner üblichen Marotten, seufzte ab und zu, schaute das Regal an, nahm einige Packungen in die Hand und schüttelte den Kopf.
Aber besonders kompliziert wurde es zu Hause, als ich den gesäuerten Reis aufsetzte und versuchte, die Mengenangaben einzuhalten. Ich schaute Dutzende Male ins Kochbuch, und es dauerte einen halben Tag, bis ich endlich die erste Garnelentorte fertig hatte. Es war das einfachste Rezept aus dem Buch und sah hübsch aus. Und es war natürlich eigentlich nicht mal Sushi, also etwas mit rohem Fisch. Ich wusste ja nicht einmal, wie Sushi wirklich schmeckte, ich kannte nur die Abbildungen in dem Buch. Erst sehr viele Jahre später sollten überall die ersten Sushi-Imbisse aufmachen.

Die ganzen Päckchen mit Algen, getrocknetem Thunfisch und Misopaste waren fast ein Jahr lang haltbar. Als das Jahr vorüber war, stopfte ich alles in eine große Plastiktüte und warf es weg. Ich weiß nicht, ob Mitsu meine Garnelentorte mochte. Und inzwischen gibt es ja auch die richtigen Japaner und richtige, echte Sushis. Aber ich frage mich noch immer, was ich damals überhaupt zubereitet habe, und ob das wohl wirklich original japanisch gewesen ist. Wahrscheinlich werde ich nach Tokio fahren müssen, um das herauszufinden. Die Imbisse hatten jedenfalls keine Garnelentorte. Mitsu und ich sprachen nie wieder darüber. Aber vielleicht macht ja auch Nudelsuppe schlank. Vielleicht ist es ja auch gar nicht so wichtig, schlank zu sein, und es ist viel wichtiger, glücklich zu werden. Ich beschloss, dass es das Beste wäre, einfach daran zu glauben.